„Hurra! Ella ist endlich zu Hause!“

Fr.Flink„Hurra! Ella ist endlich zu Hause!“ So erhielt ich eine Geburtsanzeige von Eltern, die während der Schwangerschaft sowie nach der Geburt von mir beraten und begleitet wurden. Auf der Rückseite der Karte stand geschrieben: „Hurra! Wir freuen uns sehr, dass Ella nach 133 Tagen in der Uniklinik Köln endlich zu Hause ist!“ Meine spontane Reaktion darauf: „Auch ich freue mich, dass Ella es geschafft hat, nach Hause zu kommen.“

Das Ehepaar Müller (Name geändert), Frau Müller 36 Jahre und Herr Müller 38 Jahre alt, kamen in der 14. Schwangerschaftswoche zu mir in die Beratung. Frau Müller war das erste Mal schwangerund sollte Zwillinge bekommen.In der 13.Schwangerschaftswoche war es unerwartet zu einem Blasensprung gekommen. Wenn es in einer frühen Schwangerschaftswoche zu einem Blasensprung kommt, kann dies oft bedeuten, dass eine Fehlgeburt eintritt. Seitens der Ärzte wurde eine schlechte Prognose für die Entwicklung und das Überleben der Kinder gestellt. Ursachen für eine Frühgeburt können beispielsweise Störungen an der Gebärmutter oder der Plazenta, ein vorzeitiger Blasensprung, Wachstums-, Entwicklungs- und Versorgungsdefizite, eine Infektion im Genitalbereich, Mehrlingsschwangerschaften, oder Fehlbildungen beim Ungeborenen sein. In den vergangenen Jahren hat sich die Medizin stets weiter entwickelt und die Behandlungsmöglichkeiten von Frühchen haben sich extrem verbessert.

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Die Eltern waren darüber informiert, dass die Grenze zur Lebensfähigkeit eines Frühchens zwischen der 23. und der 25. Schwangerschaftswoche liegt. Mit jedem Tag und mit jeder Woche, die ein Zwilling im Mutterleib verbringt, steigt die Überlebungswahrscheinlichkeit ständig an. Ab der 28. Schwangerschaftswoche liegt die Überlebungswahrscheinlichkeit bei nahezu 80%.

Das Ehepaar war damals sehr verzweifelt und wusste nicht, was es tun sollte. Die Freude und das Glück über die Schwangerschaft wurden ihnen genommen. Sorgen und Ängste nahmen ihren Platz ein. Herr Müller hatte große Sorgen um die Gesundheit seiner Frau und war der Ansicht: „Nicht um jeden Preis Kinder, die aufgrund von zu früher Entbindung vor der 28. Schwangerschaftswoche Schädigungen erleiden.“ Er hatte Angst vor Behinderung, vor allem aber auch vor auftretenden Gehirnblutungen. Dem Ehepaar wurde ein Schwangerschaftsabbruch angeboten. All diese Themen kamen in der ersten Beratung zur Sprache.

Ich habe Frau Müller gebeten, aus ihrer Sicht die erlebte Zeit Revue passieren zu lassen und zu beschreiben, wie sie beide die psychosoziale Beratung erlebt haben. Was haben sie damals als Paar oder Einzelperson entschieden und wie lange haben sie sich Zeit genommen für ihre Entscheidung? Welche Gedanken und Gefühle begleiteten sie während der Schwangerschaft, der Geburt und des Aufenthalts in der Klinik? Welche Gefühle haben ihnen in der schwierigen Situation, inmitten der Anstrengung, Halt gegeben?

Collage Ella4Frau Müller berichtet:

„Uns hat das alles damals von einem Tag auf den anderen eiskalt erwischt. Blasensprung bei einer Zwillingsschwangerschaft in der 13. Schwangerschaftswoche - wem passiert denn sowas? Und warum? Eine sehr schlimme Situation! Einen Ausweg gab es nicht und eine Patentlösung auch nicht. Anfangs stand ja sehr lange die Frage im Raum, ob wir die Schwangerschaft fortführen - ja oder nein? Und niemand, weder Sie, Frau Flink, noch die Ärzte, konnte uns diese Entscheidung abnehmen. Egal wie wir uns entscheiden würden, es gab kein richtig oder falsch. Jede von uns getroffene Entscheidung war richtig und gleichzeitig war sie auch falsch. Sofort kam der Gedanke: Aber was wäre, wenn wir es doch anders machen?
In den Gesprächen mit Ihnen, Frau Flink, hatten wir immer wieder die vielen verschiedenen Möglichkeiten besprochen, ohne Wertung, ohne in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden. Die Entscheidung lag ganz allein bei meinem Mann und mir. Wenn wir sie als richtig ansehen, dann ist sie auch richtig! Für mich persönlich fiel die Entscheidung für das Fortführen der Schwangerschaft, als ich etwa in der 16. oder 17. Schwangerschaftswoche von meiner Frauenärztin ein 3 D-Ultraschallbild ausgehändigt bekam, das Ella zeigte. Ich habe mich unglaublich darüber gefreut, dass es ein Mädchen ist und mir war sofort klar, dass ich diesem gesunden Kind nicht die Chance zu leben nehmen konnte oder wollte. Auch wenn das für mich bedeutete, dass die gesamte Schwangerschaft ein gelebter Albtraum sein würde, aus dem man nicht aufwacht. Auch die Ungewissheit über die Zukunft war ein Problem. Aber Sie haben mich immer wieder ermuntert, mich trotz allem über die Schwangerschaft zu freuen, meinen Bauch zu zeigen und die Zeit zu genießen. Sie haben uns Mut gemacht, haben zu den Babys gesagt: „Haltet zusammen Mädels, Ihr schafft das!" Ich habe diese schwierige Situation damals als sehr ungerecht empfunden. Ich wurde um eine schöne, normale Schwangerschaft betrogen.

 Ich weiß bis heute nicht, woher ich damals die Kraft genommen habe durchzuhalten, die Schwangerschaft trotz der schlechten Prognose fortzuführen. Trotz dieses völligen Kontrollverlusts und der ständigen Sorge, jederzeit eine Fehlgeburt erleiden zu können, haben wir gehofft, dass alles gut wird. Ich glaube, ich habe mich schlichtweg geweigert, beide Kinder zu verlieren, und bin Tag für Tag stur weiter gegangen.

Collage Ella3Was mein Mann und ich als besonders wichtig und wertvoll aus all den Gesprächen mitgenommen haben, ist die Tatsache, dass Fragen thematisiert wurden, vor denen wir uns sonst gedrückt hätten, weil sie Angst machen. Themen wie: Schwangerschaftsabbruch, Behinderung, Tod. Denn Alles und Nichts konnte auf uns zukommen. Wir konnten beide Kinder verlieren oder eins davon konnte schwer krank zur Welt kommen, oder, oder, oder... Ich hatte sehr gehofft, die Schwangerschaft wenigstens bis zur 28. Schwangerschaft fortführen zu können. Aber es kam anders. Ella und Sophie wurden am 1. August 2015 zum Ende der 24. Schwangerschaftswoche per Notkaiserschnitt geboren. Sie waren 640g bzw. 650g leicht und knapp 33 cm groß. Meine Tochter Sophie starb noch am gleichen Tag.

Auf den Tod des eigenen Kindes kann einen nichts und niemand vorbereiten. Aber dank der vielen Gespräche haben wir immer bewusst mit dieser Möglichkeit gelebt und den Gedanken daran zugelassen. Wir waren uns von Anfang an einig, dass, wenn es nicht leben möchte, wir das Kind gehen lassen. Auch haben mein Mann und ich uns bereits im Vorfeld überlegt, wie wir es im Falle eines Falles bestatten möchten.

Diese Überlegung hätten wir ohne die Gespräche wohl immer wieder aufgeschoben, nicht den Mut dazu gehabt. So war die Situation leichter, als es darum ging, die Bestattung zu planen. Wir wussten genau was, wir wollten und was nicht. Überhaupt hat die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod unseren Blick darauf verändert. Als Sophie starb, waren wir uns einig, dass der Tod auch etwas Friedliches haben kann. Sie war in meinen Armen ganz ruhig eingeschlafen und wir haben sie schweren Herzens gehen lassen. Die diensthabenden Schwestern und Ärzte waren an diesem Abend sehr bemüht, eine private und ruhige Atmosphäre für uns zu schaffen, so dass wir uns trotz Intensivstation und Klinikalltag in Ruhe von unserem Kind verabschieden konnten.
Die erste Zeit in der Klinik war sehr, sehr hart. Es tat uns im Herzen weh, diesen winzigen Menschen im Inkubator liegen zu sehen und nichts tun zu können. Unsere kleine Tochter, die eigentlich noch gar nicht auf der Welt sein sollte und nun so sehr um ihr Leben kämpft. Ich habe sehr lange mit den Umständen gehadert. Ständig stellte sich für mich die Frage, warum die Schwangerschaft nicht wenigstens noch ein paar Wochen länger weitergehen konnte. Dann hätten es beide Kinder leichter gehabt. Mein Mann konnte hingegen alles eher so annehmen, wie es nun mal war. Auch kam bei mir oft die Frage auf: "Was haben wir dem Kind mit unserer Entscheidung bloß angetan?"

Aber Ella hat gekämpft, sie wollte leben, und wenn ich heute sehe, wie toll sie sich entwickelt und uns fröhlich anstrahlt, dann weiß ich, dass unsere Entscheidung damals richtig und mutig war und dass dieser Mut auch belohnt wird!“

Heike Flink

Beraterin

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