Die starke Kraft des Wortes und die Wirkung in der Beratung

Zu uns kommen überwiegend Menschen in die Beratung, die Krisen durchleben und die in einem sehr schlechten seelischen, emotionalen und oft auch körperlichen Gesundheitszustand sind. Es können Frauen und Paare in einem Schwangerschaftskonflikt sein oder nach dem Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft. Es sind auch Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch. Es sind Frauen und Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch, dabei oftmals Frauen, die nach einer Kinderwunschbehandlung schwanger wurden, aber die Schwangerschaft, auch wiederholt, nicht halten konnten. Es betrifft ebenso Frauen, die eine große Liebe verloren haben, die betrogen, verraten und verlassen wurden oder solche, die sich von einem Lebenstraum verabschieden mussten.

Ich möchte drei Beispiele nennen.

Das Ehepaar A. kommt zur Beratung nach einer sogenannten „stillen Geburt“. Vor einer Woche wurden ihre Zwillinge in der 20. Woche geboren. Der Junge war bereits seit einigen Wochen tot im Mutterleib, das Mädchen war noch ganz lebendig, aber durch die vorzeitigen starken Wehen konnte die Schwangerschaft nicht mehr aufrecht erhalten werden. Beide Kinder kamen durch eine natürliche Geburt zur Welt, das Mädchen lebte noch 15 Minuten und verstarb dann ebenfalls in den Armen der Eltern.

In einem anderen Fall ruft der Arzt einer Kinderwunschklinik an und sagt: „Frau Kitte, Sie müssen unbedingt sofort Frau B. aufnehmen. Sie ist hier gerade psychisch kollabiert, nachdem ich ihr sagen musste, dass sie definitiv aus medizinischer Sicht nicht schwanger werden kann, auch wenn sie noch so viele Versuche unternehmen würde“.

In den folgenden Beratungsgesprächen wird der Klientin Zeit und Raum gegeben, ihren dringenden Kinderwunsch zu äußern und die Nichterfüllung dieses Traumes zu betrauern. Gemeinsam mit ihrem Partner suchen wir nach einer anderen Sinnhaftigkeit in ihrem Leben.

Frau C. kommt zu mir in die Beratung. Sie hatte mehrere Fehlgeburten in der frühen Schwangerschaft. Sie ist schon 42 Jahre alt. Das Schlimmste ist, dass ihre gesamte Familie sie wegen ihrer Kinderlosigkeit stigmatisiert. In ihrem Kulturkreis sind Kinder unverzichtbar. Wer keine Kinder bekommen kann, muss etwas Schlimmes getan haben, muss gesündigt haben. Sie wird komplett geschnitten, man will nichts mehr mit ihr zu tun haben und man hetzt sogar den Ehemann gegen seine Frau auf und fordert ihn auf, sich eine andere Frau zu nehmen. Das Selbstwertgefühl dieser Frau ist gleich null und es kommen ganz reale Existenzängste dazu.

Alle diese Frauen und Paare sind durch das Erlebte in eine schwere Krise geraten, die sie allein nicht bewältigen können.

Wie kann es in der Beratung gelingen, diese Menschen wieder aufzurichten, ihnen wieder Mut zum Leben zu machen?

Sie kommen in der Hoffnung zu uns, dass wir ihnen helfen, aus dieser Krise herauszufinden.

Wir Beraterinnen können die Probleme, die Verluste der Vergangenheit und die Ängste nicht ungeschehen machen. Aber wir können gemeinsam mit den Frauen und Paaren herausfinden, wie sie anders darauf schauen und alles Erlebte besser in ihr Leben integrieren können.

Das nennt man auch lösungsorientiertes Arbeiten. Das geht nur, indem man klar benennt, dass alles, was im Leben eines jeden Menschen geschieht, unweigerlich zu seinem Leben auf immer und ewig dazugehört. Nichts ist wieder rückgängig zu machen und jeder muss lernen, damit zu leben.

Verlorene Lebensträume

In der Beratung gehen wir deshalb nicht so sehr auf das Problem ein. Denn das kann niemand einfach auslöschen. Ich kann keiner Frau eine Schwangerschaft beschaffen, aus der am Ende auch ein gesundes Kind hervorgeht. Ich kann nicht die Fehl-, Früh- oder Totgeburt(en) ungeschehen machen. Ich kann nicht die verlorenen Lebensträume, die gescheiterten Beziehungen wieder gut machen. Aber ich kann helfen, neue Ziele zu formulieren und neue Wege aufzuzeigen.

Und ich kann ihr zeigen, wie sie anders auf sich schaut, nämlich in erster Linie liebevoll und wertschätzend. Und das kann gelingen, indem ICH liebevoll und wertschätzend auf sie blicke und sie auch mit entsprechenden Worten wieder aufrichte, ihr Mut mache zu einem neuen, anderen Leben und neue Handlungsoptionen mit ihr entwickle.

Ich ermutige sie vor allem, das eigene Verhalten zu überdenken, sozusagen liebevoll kritisch mit sich umzugehen und sich zu sagen: Mit all dem, was in deinem Leben geschehen oder aber nicht geschehen ist: DU bist wertvoll, DU bist es wert, geliebt und geachtet zu werden und dich selbst und andere zu lieben!

Ich ermutige die Klientin vor allem, ihre Selbstbestimmung über sich wiederzuerlangen, indem sie aus einer passiven und lähmenden Ohnmacht in die aktive Auseinandersetzung geht.

Du wirst ernst genommen

All dies geschieht in der Beratung hauptsächlich durch Worte, Worte, die Mut machen und Wege aufzeigen, aus der Hölle herauszukommen, in der sie oftmals schon lange gefesselt sind. Und es sind Worte, die behutsam gewählt werden müssen, die eine ungeheure Kraft haben, weil sie dem Gegenüber deutlich machen: Du wirst hier so angenommen, wie du bist, du wirst ernst genommen und du darfst endlich einen Teil deiner Last abgeben.

Und tatsächlich bin ich immer wieder überrascht, wie es mit Worten gelingen kann, die Menschen in ihrem Leid wieder aufzurichten. Und ich bin froh, wenn ein Mensch weinend und vor Kummer gebeugt in die Beratung gekommen ist und am Ende mit erhobenem Kopf, vielleicht sogar mit einem Lächeln, die Beratungsstelle wieder verlässt.

Ich bin immer sehr dankbar, wenn mir die richtigen Worte einfallen, die von den Klientinnen auch angenommen werden können und die vor allem nachhaltig wirken und etwas verändern können. Dann denke ich: Deine Arbeit lohnt sich.

Claudia Kitte-Fall, Beraterin

 


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